Scan4Safety erklärt: was das NHS-Programm für Schweizer Spitäler bedeutet
Grossbritannien zeigt seit 2016, wie ein Barcode am Patientenbett Fehler verhindert und Zeit freispielt. Was Schweizer Spitäler daraus mitnehmen können.

Patientensicherheit beginnt bei einer einfachen Frage: Bekommt der richtige Patient das richtige Mittel, in der richtigen Dosis, zur richtigen Zeit? In Grossbritannien beantwortet das seit 2016 ein Barcode-Scan am Patientenbett. Das Programm heisst Scan4Safety, und seine Resultate sind gut dokumentiert. Für Schweizer Spitäler, die ohnehin gerade mit UDI und Produktkennzeichnung zu tun haben, lohnt sich ein Blick darauf.
Worum es geht
Scan4Safety ist ein Programm des englischen Gesundheitsministeriums, das 2016 mit rund 12 Millionen Pfund an sechs Spitälern («demonstrator sites») startete. Es lief als zweijähriges Pilotprogramm, dessen Auswertung 2020 veröffentlicht wurde. Die Idee ist denkbar einfach und beruht auf einheitlichen GS1-Standards: Jede Person, jedes Produkt und jeder Ort erhält einen eindeutigen Barcode. Wird am Behandlungspunkt gescannt, lässt sich in Sekunden abgleichen, was bei wem, wann und wo zum Einsatz kommt.
Damit wird aus einer Kennzeichnung, die zunächst der Logistik dient, ein Sicherheitsinstrument. Der gleiche Code, der ein Produkt identifiziert, bestätigt am Bett die richtige Zuordnung und schreibt zugleich eine lückenlose Dokumentation mit.
Das Prinzip: jede Person, jedes Produkt, jeder Ort
Drei Scans bilden den Kern. Das Patientenarmband trägt einen Barcode, der den Patienten als die zentrale Person am Bett eindeutig identifiziert. Das Produkt trägt seine GTIN, meist codiert in einem GS1 DataMatrix, inklusive Charge und Verfall. Der Ort, etwa ein Lagerplatz oder ein Operationssaal, ist ebenfalls codiert.
Im Bedside Scanning greifen diese drei Scans ineinander und setzen das Vier-Augen-Prinzip technisch um: Patient, Mittel und Anordnung werden automatisch abgeglichen, bevor etwas verabreicht oder implantiert wird. Stimmt etwas nicht, warnt das System, statt sich auf Aufmerksamkeit allein zu verlassen.
Was es gebracht hat
Die Resultate der Pilotspitäler sind veröffentlicht und belegt. Am North Tees and Hartlepool NHS Trust wurden über die Pilotphase rund 22’000 Stunden für die direkte Patientenversorgung freigespielt, unter anderem durch weniger unerwünschte Ereignisse und kürzere Meldezeiten. Finanziell summierten sich die Effekte je nach Haus deutlich: Leeds meldete bis Ende 2017 kumuliert rund 2,3 Millionen Pfund, Derby und Burton zwischen 2016 und 2018 über 3,1 Millionen Pfund, vor allem durch geringeren Verbrauch und bessere Bestandsführung.
Hinzu kommt der Ernstfall: Ist erfasst, welche Charge bei welchem Patienten verwendet wurde, wird ein Rückruf zur kurzen Abfrage statt zur langen Suche. Für eine flächendeckende Einführung über den ganzen NHS-Akutbereich schätzte das Programm den Nutzen auf bis zu eine Milliarde Pfund über sieben Jahre.
Gut zu wissen
Belegte Resultate des DHSC-Pilots (Auswertung 2020): rund 22’000 Stunden für die Versorgung freigespielt (North Tees and Hartlepool), kumulierte Einsparungen u.a. 2,3 Millionen Pfund (Leeds, bis Dezember 2017) und 3,1 Millionen Pfund (Derby und Burton, 2016 bis 2018). Geschätztes Potenzial einer NHS-weiten Einführung: bis zu 1 Milliarde Pfund über sieben Jahre. Quellen: NHS Scan4Safety, GS1 UK.
Was das mit der Schweiz zu tun hat
Scan4Safety baut auf GS1-Standards. GS1 ist zugleich eine der vier für die UDI anerkannten Zuteilungsstellen, neben HIBCC, ICCBBA und IFA, und in der Praxis die verbreitetste; auch swissdamed akzeptiert diese Stellen. Die Barcodes, die viele Medizinprodukte ohnehin tragen, sind damit dieselbe Grundlage wie bei Scan4Safety.
Mit der Medizinprodukteverordnung (MepV) und der Datenbank swissdamed werden Medizinprodukte in der Schweiz flächendeckend eindeutig gekennzeichnet, und Spitäler arbeiten zunehmend mit diesen Codes. Der entscheidende Punkt: Dieselben Barcodes, die der regulatorischen Kennzeichnung dienen, sind die Grundlage für scangestützte Patientensicherheit. Wer sie nur als Compliance-Thema betrachtet, lässt den eigentlichen Nutzen liegen; wer sie als Dateninfrastruktur begreift, kann darauf Sicherheit, Rückverfolgbarkeit und Effizienz gleichzeitig aufbauen.
Was Schweizer Spitäler übernehmen können
Vier Schritte lassen sich direkt ableiten. Erstens saubere Stammdaten: Ohne eindeutige Artikel- und Produktdaten läuft kein Scan ins Ziel. Zweitens das Patientenarmband mit Barcode als Voraussetzung für den Abgleich am Bett. Drittens der Start dort, wo das Risiko am grössten ist, etwa bei Implantaten, im Operationssaal oder bei Hochrisiko-Medikamenten. Und viertens die konsequente Erfassung am Behandlungspunkt, damit aus einzelnen Scans ein durchgängiger Datenfluss wird.
Scan4Safety zeigt, dass es nicht um ein Grossprojekt auf einen Schlag geht, sondern um einen schrittweisen Aufbau mit früh sichtbarem Nutzen. Jeder Bereich, der scangestützt arbeitet, senkt sofort das Fehlerrisiko und liefert verlässlichere Daten.
Fazit
Scan4Safety ist kein britischer Sonderweg, sondern eine konsequente Nutzung von Standards, die in der Schweiz mit UDI und swissdamed gerade verbindlich werden. Spitäler, die ihre Produktkennzeichnung als Basis für scangestützte Prozesse nutzen, gewinnen mehr als Regelkonformität: weniger Verwechslungen, schnellere Rückrufe und Zeit, die zurück an das Patientenbett geht. Der Einstieg ist kein Sprung, sondern ein erster sauberer Scan.
Patientensicherheit, die mitskaliert
Sehen Sie, wie medTrack scangestützte Prozesse und Rückverfolgbarkeit in den Klinikalltag bringt.
Plattform ansehen

